Johannes Dyba: Christliches Abendland und moderne Gesellschaft aus theologischer Sicht
12. Sinclair-Haus-Gespräch
23./24. April 1999
Johannes Dyba: Christliches Abendland und moderne Gesellschaft aus theologischer Sicht
Die Präambel unseres Grundgesetzes beginnt mit den Worten: "Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen". In der Tat: Unser Schöpfungs- und Weltverständnis, unser Menschenbild und unsere Wertauffassungen sind in so entscheidender Weise vom Christentum geprägt worden, daß eine Verständigung über zentrale Verfassungs- und Rechtsprinzipien auch heute nur dann möglich ist, wenn die christlichen Wurzeln solcher Prinzipien und Elemente unserer gesellschaftlichen Struktur mit einbezogen werden. Das läßt sich geschichtlich eindeutig nachweisen, wenn hier auch nicht der Raum für einen solchen Exkurs gegeben ist. Die abendländische Ethik, auf der wir aufbauen, ist christliche Ethik. Man kann darüber hinaus wohl sogar sagen, daß alle Kulturen der Menschheitsgeschichte das Fundament ihrer geistlichen Kraft und ihrer inneren Bindung in religiösen Vorstellungen fanden, die ihr irdisches Wirken in der Transzendenz verankerten. Auf der anderen Seite hat es der Atheismus bisher noch nie und nirgendwo vermocht, einen geistigen, sittlichen und gesellschaftlichen Grundkonsens entstehen zu lassen
Nun wäre es aber gar nicht mehr so sicher, daß ein Parlamentarischer Rat, der heute eine Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland zu entwerfen hätte, das Grundgesetz noch expressis verbis in Gott verankern würde. Damit kommen wir zu der Frage, ob die moderne Gesellschaft sich aus dem christlichen Abendland nicht bereits zunehmend verabschiedet hat. Wir werfen hier einen Blick auf das Ergebnis eines langen Prozesses, den man als "Emanzipation" bezeichnet und der sich auf verschiedenen Ebenen abgespielt hat. Es ist ein Prozeß, der in einem immer größeren Autonomiestreben des Menschen zum Ausdruck kam. Der Befreiung aus feudalen Strukturen folgte auf den zunehmenden Wunsch, sich aus geistig-ethischen Bindungen zu lösen, letztlich eine tiefgreifende Abkehr vom Göttlichen und Transzendenten überhaupt.
Diese Abkehr, die sich zuerst im Bereich der Philosophie vollzog, ging in der Folge mit einer rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der demokratisch-freiheitlichen Bewegung Hand in Hand. Diese Erkenntnisse und zunehmende Verfügungsgewalt über Natur und Kosmos, sowie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung haben jene Gesellschaft hervorgebracht, die man als säkularisiert und permissiv bezeichnet – säkularisiert deshalb, weil sie zur Erklärung der Welt nichts anderes benötigt als eben die Welt, und permissiv, weil sie für das Handeln keine andere Instanz zuständig sein läßt als die Subjektivität des Einzelnen. Ich habe diesen geschichtlichen Prozeß nur kurz und summarisch skizziert, weil es uns heute vor allem darauf ankommt, uns über seine Folgen klarzuwerden.
Welche sind nun die heute erkennbaren Folgen der Säkularisierung? Wo der Bezug zur Transzendenz verloren geht, wo – bildlich gesprochen – der Himmel geschlossen wird, wird es auf der Erde sehr eng, zumal für Menschen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht vergessen können. Wo der Weg durch die Religion zu Gott blockiert ist, suchen die Menschen immer wieder Auswege. Das zeigt uns die geschichtliche Erfahrung. Ein erster Ausweg ist nun der, daß sich politische Systeme als Ersatzreligionen anbieten. Denken wir an die Altäre und Göttinnen der französischen Revolution, an die feierlichen Rituale des Dritten Reiches, an die Jugendweihe in den kommunistischen Ländern. Ein zweiter Ausweg aus dem Verlust der Transzendenz und aus der säkularisierten Langeweile ist die Flucht in weltverbesserische Sozialutopien. Denken wir an die vielen Versuche, neue, revolutionäre, befreite Gesellschaften zu schaffen, in denen vollkommene Strukturen an die Stelle der unvollkommenen Menschen treten sollen. Dagegen beweist die Erfahrung mit unzähligen blutigen Revolutionen und politischen Strukturreformen in aller Welt, daß sich durch die Änderung der Etiketten praktisch gar nichts verändert, wenn sich die Menschen nicht verändern. Hier könnte man in Anlehnung an Wilhelm Busch sagen:
"Der Ort ist gut, die Fahne neu, der alte Lump ist auch dabei."
Erst Menschen mit einem neuen Ethos können in Sachen Gerechtigkeit und Frieden etwas zum Besseren wenden, und selbst das nie endgültig und unverlierbar.
Eine der ganz großen Utopien, der die Menschheit im letzten Jahrhundert verfallen ist, und die sich erst in unseren Tagen als eine solche erweist, ist der säkularisierte Fortschrittsglaube. Er beinhaltet zwei Zielrichtungen: Die weitausgreifende Expansion in den Naturwissenschaften und der Technologie bei gleichzeitigem als Befreiung empfundenem Abbau der alten ethischen Maßstäbe und moralischen Gesetze.
So können wir in den von uns gelebten Jahrzehnten enorme wissenschaftliche Fortschritte und technische Errungenschaften einerseits und eine verkümmerte Ethosbildung, ja eine geradezu verstümmelte sittliche Gewissens- und Konsensbildung andererseits, konstatieren.
Daß aber ein sittliches Defizit nicht belanglos oder etwa nur für die Theologen bedeutsam ist, möchte ich Ihnen an einem ganz praktischen Beispiel aus dem Alltag aufzeigen. Vor 40 Jahren dauerte ein Flug von Frankfurt nach London an sich länger als heute. Wir haben heute schnellere Maschinen, ferngesteuerte Landehilfen, Reservierungscomputer, elektronisch gesteuerte Gepäckbeförderung. Wir haben die Sache also enorm modernisiert. Trotzdem dauert die Flugreise von Frankfurt nach London heute genauso lange wie vor 40 Jahren, weil nämlich der Konsens dafür verlorengegangen ist, daß der Luftreiseverkehr tabu ist, daß man Flugzeuge nicht entführt oder in die Luft sprengt und Passagiere nicht als Geiseln nimmt. Dieser eine Konsensverlust allein kostet Milliarden von Stunden, verlorene Stunden für Passagiere und Besatzungen, und Unsummen an Sicherheitsvorkehrungen aller Art. So kann der Verlust beim sittlichen Standard den Gewinn beim technischen Standard sozial gesehen völlig auffressen. Wie gesagt, ein eher noch bescheidenes Beispiel, wenn wir an die Bedrohung aus anderen Bereichen denken, wo heute bereits weithin nach dem Motto texanischer Cowboys operiert wird: "Shoot first, ask questions later."
Wie hatte der Aufbruch in das gelobte Zeitalter von Freiheit und Fortschritt doch angefangen! Lassen sie mich eine bedeutende Stimme aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zitieren, als sozusagen der Endspurt begann. Die ersten großen Erfindungen waren gemacht, man sah das neue Zeitalter. Da schrieb kein geringerer als Victor Hugo: "Das 19. Jahrhundert ist groß, aber das 20. Jahrhundert wird glücklich sein. Nichts wird dann unserer alten Zeit noch gleichen. Es wird keine Angst mehr geben wie in unseren Tagen, keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr zwischen den Völkern, keine Eroberungskriege, keine Invasionen, keine Überfälle." Es wird keine Angst mehr geben! Ja, um diese Zeit sagte Bismarck noch: "Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt." Heute fürchten wir zwar nicht mehr Gott, aber sonst so ziemlich alles auf der Welt. Atom, Hormon, Ozon lassen grüßen!
Dieser Zerfall eines gemeinsamen Grundkonsenses wird ja heute besonders deutlich, so deutlich, daß ich glaube, wir stehen heute eher am Ende des sogenannten modernen Bewußtseins, nämlich jener optimistischen Schau, die meinte, alles sei machbar, Wissenschaft und Technik hätten die Zauberformel gefunden, mit der wir die Zukunft des Menschen und der Welt gewinnen könnten. Das hat sich einfach als Trug entlarvt. Aber eben sehr spät.
Wir haben Raubbau nicht nur an der Natur getrieben, sondern auch an den Schätzen unseres geistigen Erbes. Wir haben allzu achtlos Grenzen überschritten und finden uns nun heimatlos in einem Niemandsland wieder, in dem auch niemand Verantwortung übernehmen kann oder will. Sie alle kennen den berühmten Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde, daß der heutige freiheitliche und säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Es ist ja ein gutes Zeichen, daß er heute schon so oft zitiert wird. Aber ich glaube, dem muß man heute einen Satz hinzufügen. Wenn wir schon die Voraussetzungen unseres freiheitlichen Zusammenlebens nicht selbst garantieren, nicht selbst schaffen können, sollten wir sie aber doch wenigstens nicht selbst abschaffen.
Es gibt aber viele Anzeichen dafür. Ich sehe heute in unserer Gesellschaft gewaltige zentrifugale Kräfte, die die Menschen aus der Mitte, aus der Geborgenheit und Sicherheit gemeinsamer Überzeugungen und gemeinsamen Handelns in gestalteten Gemeinschaften an die Peripherie vereinzelten amorphen Daseins in der Masse schleudern. Massenmedien, Unterhaltungselektronik bis ins Internet – der Mensch wird heute mit Informationen und Reizen überschüttet – aber Werte oder gültige Antworten findet er da nicht. Nach dem Credo der modernen Gesellschaft besteht doch der Wert des Lebens darin, daß es erfolgreich ist und daß es Spaß macht. "Fit for fun." Wenn aber diese Lebensart – die Neil Postman mit seinem Buchtitel, "Wir amüsieren uns zu Tode", so treffend markiert hat – wenn diese moderne Lebensauffassung sich weiter ausbreitet wie ein Flächenbrand, dann werden die für das Schicksal eines Menschen so entscheidenden Dinge wie die Annahme von Kreuz und Leid, Krankheit, Schmerz, Alter, Schwäche, Behinderung, aber auch Treue und Gehorsam, Opferbereitschaft, Selbstbeherrschung, Ehrlichkeit auch im Verborgenen zu barem Unsinn. "Der Ehrliche ist der Dumme", ist dann ja auch der Titel eines weiteren Bestsellers unserer Tage.
Ich glaube, wir müssen einmal ganz klar die Grenzen aufzeigen. Wir können aus dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt unseres modernen Zeitalters sehr viel Nützliches, Angenehmes und unser irdisches Leben Erleichterndes empfangen. Auf die Sinnfrage kann uns der wertfreie Fortschritt aber überhaupt keine Antwort geben. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens finde ich nur in meinem Glauben, im Glauben an Gott, der mich ins Dasein gerufen hat, damit ich als sein Ebenbild an seinem göttlichen Leben teilhabe.
Und das ist der Dienst, den die Kirche den Menschen der modernen Gesellschaft leisten kann und leisten muß: Ihnen die Offenbarungen Gottes im Glauben zugänglich zu machen, sie in das Abenteuer des Glaubens zu locken. Und da sollte sich heute die Kirche selbst zu allererst auf das Wort ihres Gründers besinnen: Suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben werden.
Nur die Kirche kann Gottesdienste feiern – pädagogisierende Bildungsveranstaltungen können alle anderen auch abhalten. Nur die Kirche kann uns in die sakramentale Begegnung mit dem lebendigen Gott führen – diskutieren können wir auf allen Marktplätzen der Welt. Nur die Kirche kann uns doch heute noch zeigen, daß Erbarmen zum Menschsein gehört. Und deshalb sollte sich die Kirche auf ihr einzigartiges Proprium besinnen – die Kirche kann uns nicht die bessere Gesellschaft bescheren – aber bessere Christen könnte sie uns bescheren und bei gläubigen Christen, die ihren Glauben auch wirklich leben, wäre auch die Gesellschaft in besten Händen.





